Gabriele Becker-Albrecht

Diakonisches Werk
im Evangelischen Kirchenkreis An der Ruhr

Hagdorn 1a
45468 Mülheim an der Ruhr    [auf Karte anzeigen]

Das Diakonische Werk ist erreichbar:
montags, dienstags, freitags: 7.30 - 16.30 Uhr
mittwochs: 7.30 - 13 Uhr
donnerstags: 7.30 - 18 Uhr

Ansprechpartnerin:

Birgit Hirsch-Palepu, Leiterin Abteilung Soziale Dienste
Tel.: (0208) 3003-225
E-Mail: hirsch-palepu[at]diakonie-muelheim.de



Ein Jahr Kinderstuben in Mülheim – eine Zwischenbilanz

Geflüchteten Familien das Ankommen im fremden Land erleichtern, Kindern spielerisch Bildungschancen eröffnen und Eltern bei der Orientierung im neuen Umfeld unterstützen – das sind die Ziele der Kinderstuben des Diakonischen Werkes im Evangelischen Kirchenkreis An der Ruhr. Die Mülheimer Diakonie startete das Projekt in Kooperation mit der Stadt Mülheim an der Ruhr und der RuhrFutur gGmbH im November 2016. Inzwischen betreuen sechs pädagogische Fachkräfte an zwei Standorten – in Dümpten und in Eppinghofen – je neun Kinder im Alter von einem Jahr bis drei Jahren und gestalten für die Eltern spezielle Bildungsangebote. Gabriele Becker-Albrecht koordiniert und begleitet das Projekt für die Mülheimer Diakonie. Im Interview blickt sie auf das erste Jahr zurück.

Vor einem Jahr eröffnete die erste Kinderstube an der Oberheidstraße. Dieses Betreuungsangebot ist dort – ebenso wie am Klöttschen – räumlich direkt an eine Flüchtlingsunterkunft angeschlossen. Hat sich diese Anbindung bewährt?
Ja, sie ist von zentraler Bedeutung. Die Idee ist, die Wege für die Eltern kurz zu halten und ein Angebot in vertrauter Umgebung zu schaffen, sozusagen in der Nachbarschaft. Für viele Eltern ist es ein schwerer Schritt, ihr Kind abzugeben und jemand anderem anzuvertrauen. Man weiß nie, was auf der Flucht oder im Heimatland vorgefallen ist, welche Erlebnisse Eltern und Kinder mitbringen. Da muss man sehr sensibel sein und sich einfühlen. Die räumliche Nähe hat da sicherlich sehr geholfen. Die Eltern wissen, ihre Kinder sind nur ein paar Türen weiter. Zudem sind wir in gutem Kontakt mit den städtischen Kräften, die für die Menschen hier als Ansprechpartner bereitstehen. Das ist besonders bei neu zugezogenen Familien hilfreich.

Kennen die Eltern diese Art der Kinderbetreuung oder ist ihnen das fremd?
Wir müssen schon immer erklären, was Kita und Schule in Deutschland bedeutet. In den Heimatländern der Menschen ist das nämlich oft etwas anderes. Außerdem haben wir festgestellt, dass es wichtig ist, die Eltern bei der Kita-Anmeldung zu begleiten, ihnen etwa beim Ausfüllen der Formulare zu helfen – und ihnen zu erklären, dass eine Anmeldung nicht automatisch eine Zusage bedeutet. Diese Begleitung ist ein ganz wichtiger Aspekt der Kinderstuben: Wir ermöglichen den Kindern und ihren Eltern, sich in einem für sie fremden System zurechtzufinden, helfen ihnen beim Einstieg in die Bildungskette und begleiten beim Weg von der Kinderstube in die Kindertagesstätte. Ich möchte betonen, dass wir dabei von den Kitas in der Nähe der Camps toll unterstützt werden. Die Zusammenarbeit läuft wirklich sehr gut.

Und dieser Einstieg in die Bildungskette funktioniert?
Ja, absolut. In der Dümptener Kinderstube haben sechs Kinder bereits in die Kita gewechselt, in Eppinghofen waren es vier Kinder.

Wie profitieren diese Mädchen und Jungen von ihrer Zeit in der Kinderstube?
Für die Kinder ist es natürlich wichtig, sofort mit der deutschen Sprache in Kontakt zu kommen. Die saugen sie auf wie ein Schwamm – wir sind immer wieder erstaunt, wie schnell das geht. Außerdem lernen die Kinder Abläufe, Rituale und Regeln kennen, die es auch in der Kita gibt: den Morgenkreis beispielsweise, das gemeinsame Frühstück und auch Verhaltensregeln. Ein wichtiger Aspekt, der aber eher die Eltern betrifft, ist auch, dass man pünktlich sein muss.

Unser Ziel ist es, die Bildungschancen der Jungen und Mädchen zu verbessern; und das betrifft viele verschiedene Bereiche. Die Grundbedürfnisse der Kinder nehmen dabei beispielsweise wesentlichen Raum ein. So ist es auch unsere Aufgabe, den Eltern zu vermitteln: Kalte Pommes mit Ketschup sind kein richtiges Frühstück. Ein ganz wichtiger Aspekt der Kinderstuben sind deshalb auch die Teams. Unsere Fachkräfte mit Migrationshintergrund tragen ganz entscheidend zum Gelingen des Projekts bei, da sie zu den Familien einen besseren Zugang finden.

Pro Standort betreuen drei Tagespflegepersonen die Ein- bis Dreijährigen und gestalten für sie „passgenaue Bildungsangebote“. Was bedeutet das?
Das bedeutet, dass wir die Kinder genau beobachten und diese Beobachtungen dokumentieren – so wie es auch in jeder Kita gemacht wird. Dabei arbeiten wir mit dem Entwicklungs- und Kompetenzprofil von Prof. Tassilo Knauf, bei dem verschiedene Bereiche der kindlichen Entwicklung abgefragt werden, unter anderem Bewegung, Sozialverhalten und Sprache. Dann wird geguckt, wo liegen Stärken, wo liegen Defizite des Kindes, und man versucht, über die Stärken die Defizite auszugleichen. Wenn sich ein Kind also beispielsweise gerne bewegt – was bei unseren Kindern tatsächlich oft der Fall ist –, kann man über ein passendes Bewegungsspiel die Sprache prima fördern.

Gibt es denn auch Unterschiede zu einer normalen Kita?
In den Kinderstuben muss man kultursensibler agieren, vor allem in der Elternarbeit. Wir haben zudem festgestellt, wie wichtig es ist, die Mütter einzubeziehen. Oft bringen die Väter die Kinder und holen sie wieder ab; die Frauen sitzen zu Hause und kommen nicht raus. Deshalb laden wir die Mütter gezielt ein und gehen auch kleine Wege mit – beispielsweise zum Internationalen Frauenfrühstück, das Mitarbeiterinnen der Evangelischen Beratungsstelle für Schwangerschaftsfragen in der Begegnungsstätte „Diakonie Am Eck“ in der Mülheimer Altstadt organisieren.

Man merkt, die Zusammenarbeit mit den Eltern ist grundsätzlich ein wichtiger Teil der Arbeit der Kinderstuben-Teams…
Ein sehr wichtiger Teil. In jeder Einrichtung werden neun Kinder von drei Tagespflegepersonen betreut. Die Kinder bleiben bis 14 Uhr – und dann haben die Fachkräfte noch zwei Stunden Zeit für Elternarbeit. Das bedeutet einen sehr hohen Qualitätsstandard, der an der richtigen Stelle ansetzt. Zweimal in der Woche wird ein Angebot für Eltern gemacht – wobei den Müttern unser Hauptaugenmerk gilt. Wir bieten zum Beispiel ein Näh-Café, das sehr gut ankommt. Zudem gibt es einen regelmäßigen Infonachmittag, den Diakonie und Caritas gemeinsam veranstalten. Eine Referentin kommt dazu zu uns und spricht über Themen, die die Eltern interessieren. Zum Beispiel: Wie geht man mit Erkältungskrankheiten um? Oder, wie läuft eine Entbindung in Deutschland ab? Außerdem haben wir Kontakt zum Medienhaus geknüpft, um den Eltern das Bibliotheksangebot näherzubringen. Einmal waren wir auch gemeinsam Erdbeeren pflücken. Das sind Angebote, die ich in dieser Form in einer normalen Kita nicht machen würde.

Für die Kinderstube arbeiten mit Stadt Mülheim und Diakonie ein öffentlicher und ein freier Träger eng zusammen. Was ist die Stärke dieses Konzepts?
Es werden Fachkompetenzen gebündelt, Wege verkürzt und Hürden abgebaut. Die Zusammenarbeit ist eine sehr gute. Das Konzept ist in Mülheim aufgegangen; und das wäre nicht der Fall gewesen, wenn nicht alle Beteiligten den festen Wunsch gehabt hätten, dass dieses Projekt gelingt. Wichtig ist dabei auch die Anbindung an RuhrFutur. Die Kinderstuben sind Teil der Bildungsinitiative, die landesweit inzwischen 18 Kinderstuben initiiert hat. Auch da gibt es eine sehr gute Kooperation. Alles in allem kann man also mit Blick auf das erste Jahr sagen: Es funktioniert.