Ambulante Gefährdetenhilfe

Ein Angebot des Diakonischen Werkes im
Evangelischen Kirchenkreis An der Ruhr

Auerstraße 47 - 49
45468 Mülheim an der Ruhr     [auf Karte anzeigen]

Tel.: (0208) 30245-0
E-Mail: agh[at]diakonie-muelheim.de

Sprechzeiten:
montags bis freitags: 9 - 12.30 und 14 - 16 Uhr
und nach Vereinbarung

Ansprechpartner/-innen:
Andrea Krause, Dipl.- Sozialarbeiterin / Abteilungsleiterin
Tel.: (0208) 30245-15

Peter Sinz, Dipl.- Sozialpädagoge / Stellv. Abteilungsleiter
Tel.: (0208) 30245-12

Patrick Bahr, Dipl.- Sozialarbeiter
Tel.: (0208) 30245-16

Katrin Nicklasch, Verwaltung / Zentrale
Tel.: (0208) 30245-0



Mit Empathie für andere Lebenswege

Peter Sinz, stellvertretender Leiter der Wohnungslosenhilfe, geht in Ruhestand

„Die Geschichte der Wohnungslosenhilfe in Mülheim ist ein Stück weit auch meine Geschichte“, sagt Peter Sinz und fasst damit fast 37 Berufsjahre beim Diakonischen Werk im Evangelischen Kirchenkreis An der Ruhr treffend zusammen. Als der Diplom-Sozialpädagoge Mitte der Achtzigerjahre begann, mit Obdachlosen zu arbeiten, bestand der Arbeitsbereich aus zwei Fachkräften, zwei Zivis und einer Beratungsstelle an der Heißener Straße. Heute hat die Ambulante Gefährdetenhilfe 15 Fachkräfte, zusätzlich Mitarbeiter/-innen im Bereich Tagestreff und macht bedarfsgerechte Angebote vom Tagesaufenthalt über die Hygienestation bis zum Betreuten Wohnen an mehreren Standorten und durch einen Streetworker sogar im gesamten Stadtgebiet. Ende Mai geht Peter Sinz nun in den wohlverdienten Ruhestand. Grund genug, mit dem stellvertretenden Abteilungsleiter zurückzublicken.
 

Herr Sinz, Sie arbeiten seit 1984 beim Diakonischen Werk. Wie kam es, dass der Sohn eines Krupp’schen Kranführers in den Siebzigerjahren Sozialpädagogik studiert hat?
Peter Sinz: Das war in der Tat nicht immer mein Wunsch. Meine Ambitionen waren lange Zeit eher Sport und Kunst. Aber ich habe schon früh Behinderung erlebt; meine Mutter war nach einer Erkrankung halbseitig gelähmt. Meine drei Geschwister und ich waren deshalb früh eigenständig und mitverantwortlich. Ich denke, dass solche frühen Erfahrungen prägen.

Und wie kamen Sie dann von Sport und Kunst zu Sozialer Arbeit?
Das habe ich einer mir wohlgesonnenen Lehrerin zu verdanken, die dafür gesorgt hat, dass ich auf die Realschule wechseln konnte. Mit diesem Abschluss konnte ich auf eine Fachoberschule für Sozialpädagogische Berufe gehen und mein Fachabi machen. Da war ich dann schon vorgeprägt und mein anschließender Zivildienst in einer Schule für körperbehinderte Kinder hat mich bestärkt, dass dies für mich das Richtige ist. Weil ich mit Kindern und Jugendlichen arbeiten wollte, habe ich in Essen Sozialpädagogik studiert.

Aber aus den Kindern wurden dann doch Klienten der Obdachlosenhilfe…
Zuerst nicht. Ich habe nach dem Studium zunächst drei Jahre bei Schmits Waisenstift gearbeitet, einem Mülheimer Kinderheim für erziehungsschwierige Kinder. Am 15.06.1984 habe ich in der Gemeinwesenarbeit des Diakonischen Werkes angefangen und über ein Jahr lang eine Gruppe von jungen Erwachsenen betreut, ihnen Angebote zur Freizeitgestaltung gemacht und sie sozialarbeiterisch begleitet. Das war toll: Ich hatte sehr freie Hand und konnte eigene Ideen einbringen. Aber dieses Projekt war befristet und deshalb habe ich die Chance genutzt, als mir eine feste Stelle in der Ambulanten Gefährdetenhilfe angeboten wurde.

Sie arbeiten von Anfang an in der Zentralen Beratungsstelle (ZBS). Wie hat sich diese Arbeit gewandelt?
Früher war die ZBS das einzige Angebot; heute ist sie ein Baustein von vielen. Wir haben in der ZBS immer schon Beratungsarbeit gemacht, haben Klienten bei der Beantragung von Sozialleistungen unterstützt. Aber damals hatten wir an der Heißener Straße nur zwei Büros und in einer Garage eine Kleiderkammer. Es war eine eingeschränkte Ausstattung. Wir hatten den Kontakt zu den Leuten und wussten ganz genau, was fehlt und welche Unterstützung sie brauchen. Nach und nach sind so weitere Einrichtungen entstanden – immer im Zusammenspiel Diakonisches Werk und Stadt Mülheim. Zum Beispiel haben wir anfangs selbst Wohnungen angemietet, um unsere Klienten unterzubringen. Heute haben wir eigene Gebäude, in denen wir Betreutes Wohnen vorhalten. Diese Entwicklung selbst zu gestalten und zu erleben, wie es immer weiter vorangeht, war sehr positiv und erfolgreich.

Wie hat sich die Obdachlosigkeit in Mülheim in den vergangenen 25 Jahren verändert?
Als ich angefangen habe, war Obdachlosigkeit sichtbarer. Wir hatten in Mülheim viel mehr Menschen, die Platte gemacht haben. 1993 war da ein Wendepunkt in Mülheim. Damals wurden über die Aktion „Jolanthe“ der WAZ Spenden von Mülheimern gesammelt und mehrere Wohn-Container zur Verfügung gestellt. Einige wurden in der Stadtmitte und einige in Broich aufgestellt, damit die „Plattegänger“ dort untergebracht werden konnten. 40, 45 Wohnungslose haben wir so von der Platte geholt. Ich möchte da keine Sozialromantik aufkommen lassen: Das Miteinander dort war nicht immer einfach, weil auch die Leute nicht einfach waren. Aber seitdem schlafen in Mülheim kaum mehr Menschen draußen. Und wenn es jemanden gibt, der Platte macht, können wir schnell reagieren.

Kann man die Aktion so etwas wie eine Initialzündung nennen?
Vieles gab es vorher schon: Die Teestube seit 1987, die Notschlafstellen seit 1989. Aber durch die Aktion ist ein öffentliches Interesse und auch ein gewisser Druck entstanden, der uns als Wohnungslosenhilfe in der Weiterentwicklung geholfen hat: 1994 wurde die Gefährdetenwohnhilfe an der Kanalstraße eingerichtet, 1999 der Streetworker eingestellt, seit 2000 gibt es die Aufsuchende Krankenpflege.

Das verbreitete Klischee beschreibt den klassischen Obdachlosen als männlichen Trinker. Stimmt das heute noch?
Abhängigkeit und psychische Erkrankungen waren immer schon mit Gründe, warum Menschen – Männer und Frauen – aus ihrem Umfeld fallen. Sucht und Krankheit sind nach wie vor zentrale Themen. Derzeit arbeiten wir mit sehr viel wohnungslosen Menschen mit Migrations- und Flüchtlingshintergründen. Ich würde sagen, unabhängig von der Nationalität, wir sind Ansprechpartner für Menschen, die mit ihrem Leben und dem System nicht klarkommen und bei uns landen, weil sie sonst überall durchs Raster gefallen sind.

Ursprünglich wollten Sie mit Kindern arbeiten und haben letztlich mehr als 35 Jahre Wohnungslose betreut. Was hat Ihnen an dieser Arbeit Freude gemacht?
Ich hatte es mit Menschen mit gebrochenen Lebensläufen zu tun. Ich war immer wieder mit anderen Leben, neuen Lebenswegen konfrontiert. Es war spannend, da neue Wege aufzuzeigen und Hilfestellung zu leisten. Ich halte es mit dem Zitat von Carl R. Rogers: „Es ist die Beziehung, die heilt.“ Gerade bei unseren Menschen, die viel Ablehnung erfahren, ist die Beziehungsarbeit wichtig. Wenn man echt, authentisch, wertschätzend und empathisch für die Lebenswelt der anderen ist, lebt man eine Grundhaltung vor, die Menschen zu Veränderung motiviert. Und damit meine ich die Veränderung im Kleinen – man muss nicht den großen Wurf erwarten, sondern die kleinen Erfolgserlebnisse mit den Klienten teilen. Zugewandtheit und Freundlichkeit sind der Schlüssel. Ich bin immer gerne zur Arbeit gegangen. Ein Grund dafür war auch, die Dienstgemeinschaft und die Loyalität des Diakonischen Werkes zu erleben. Die Diakonie verkörpert einen humanistisch-christlichen Ansatz, der mir sehr nahesteht.

Haben Sie bereits Pläne für den Ruhestand?
Ich bin leidenschaftlicher Fahrradfahrer – und ab und zu auch Motorradfahrer. Unter anderem habe ich auch noch ein altes Motorrad, das ich wieder gerne instand setzen möchte. Lesen guter Krimis, Renovierungen, Gartenarbeit – es ist noch viel zu tun. Außerdem bin ich sehr musikinteressiert; ich spiele Gitarre. Ich hoffe, dass ich nach Corona wieder mehr Live-Musik genießen kann – vor allem New Jazz, Blues und Rock. Freunde und Bekannte treffen. Meine Frau und ich freuen uns außerdem auf Reisen – aber das geht in der aktuellen Zeit wohl allen so.